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Reden
03 Balzac Drucken E-Mail
Geschrieben von Uwe Peters   
Mittwoch, 1. August 2007

Liebe Frau NN,

liebe Angehörigen und Freunde

der Verstorbenen NN

Unsere Trauerfeier bedeutet, dass wir ein festes Datum setzen wollen, an dem wir gemeinsam von dem Verstorbenen Abschied genommen haben.

Es kann nicht sein, dass ein Mensch einfach weg ist und nie wieder zurück kommt. Darüber muss man nachdenken. Darüber muss man reden.

Und schließlich hat Oscar Wilde schon vor vielen Jahren aufgeschrieben, was immer noch Grundlage auch der heutigen Trauerfeier ist:

„Etwas, worüber man nicht redet, ist gar nicht geschehen. Erst das Wort gibt den Dingen Realität!“

Deshalb müssen wir reden. Reden über Leben und Tod. Reden über den Verstorbenen. Reden über Erinnerung und schließlich reden über den Abschied.

Ich möchte diesem Abschied einen Text des großen französischen Dichters Honore` de Balzac voranstellen:

Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.

Wir haben zur Vorbereitung für diese Trauerfeier bei Ihnen zu Hause zusammengesessen und über den Verstorbenen gesprochen.

Sie haben mich an dem Schatz Ihrer Erinnerungen teilhaben lassen und ich hatte den unbestimmten Eindruck, dass es wirklich ein großer Schatz ist.

Diesen Schatz der Erinnerungen werden wir gleich etwas näher besprechen.

Doch zunächst ist es wichtig, dass wir diese Wahrheit, die Balzac hier ausspricht, etwas näher untersuchen und uns mit der Erinnerung allgemein beschäftigen.

Erstaunt werden Sie fragen: Wieso muss man sich damit beschäftigen, was Erinnerungen sind? Das wissen wir doch alle und wir alle haben viele Erinnerungen allgemeiner Art und natürlich auch viele spezielle Erinnerungen an den Verstorbenen.

Aber so einfach ist das nicht. Erinnerungen haben nämlich ganz eigenartige Merkmale:

- Das, was wir jeden Tag erleben, ist unendlich viel, dass wir überhaupt nicht in der Lage sind, alle Einzelheiten in unseren Erinnerungen aufzubewahren.

Ein Beispiel:

Jeder Tag hat 86 400 Sekunden und insgesamt 1440 Minuten. In jeder Sekunde erleben wir etwas und in jeder Minute passiert etwas in unserem Leben. Das können wir nicht alles behalten und erinnern. Wenn Sie schon mal etwa 5 Minuten an der Bushaltestelle gewartet haben, dann haben Sie ein Gefühl dafür, wie lang 5 Minuten sein können.

Erinnerungen und Vergessen gehören zusammen, sie sind nicht zu trennen. Das eine ist nur möglich, weil es das andere gibt. Ohne die Gnade des Vergessens kann es keinen Trost des Erinnerns geben.

- Aber weil wir gar nicht alles behalten können, deshalb wählen wir aus, was wir aus bestimmten Gründen – die wir selbst bestimmen - behalten können und wollen.

Daraus ergibt sich, dass Erinnern immer auswählen ist.

Wenn wir uns also an einen verstorbenen Menschen erinnern, dann erinnern wir das, was wir lange vorher schon für erinnernswert gehalten haben und deshalb auch abgespeichert haben. Wir haben ausgewählt. Unsere Erinnerung ist das Produkt unserer Auswahl.

Und was wir nicht erinnern wollten, ist und bleibt vergessen.

Menschen, die z.B. viel Tragisches erlebt haben, vergessen das meiste, damit sie weiterleben können. Andere Menschen, die z.B. unendlich viel gearbeitet haben, vergessen auch davon sehr viel. Das erste schmerzt in der Erinnerung und das zweite langweilt. Klar, das viel vergessen werden muss.

- Nun stellt sich die spannende Frage, welche Maßstäbe benutzen wir für unsere Auswahl?

Da gibt es drei verschiedene Maßstäbe:

1. Wenn wir den Menschen geliebt und gemocht haben, dann werden wir das auswählen, was uns zu einer bleibenden schönen und süßen Erinnerung werden kann.

Wir versetzen uns in die schönen Tage mit dem Verstorbenen zurück und langsam steigt in uns ein warmes Gefühl der Dankbarkeit auf.

2. Wenn wir ein eher kritisches und streitiges Verhältnis zu dem Verstorbenen gehabt haben, werden wir ganz automatisch diese kritischen und vielleicht auch streitigen Erlebnisse mit ihm erinnern.

Nicht umsonst heißt es in einem Sprichwort: Ich habe viele Fehler, wenn Du wenig Liebe hast!

3. Und wenn wir ein eher neutrales nachbarschaftliches Verhältnis miteinander hatten, dann werden uns die kritischen und streitigen Aspekte wenig interessieren, genauso wenig, wie die schönen liebevollen und süßen Aspekte. Und wenn in der Trauerfeier der eine oder andere Aspekt zu stark hervorgehoben wird, langweilt uns das und wir werden ärgerlich.

In solchem Falle werden wir ganz neutral daran erinnern, z.B. „das hat er gut gemacht“ und „in dieser Sache hier lag er voll daneben“.

Wir sind eben neutral.

Wir erinnern also nicht das, was alles wirklich war, sondern das, was wir erinnern möchten. Das haben wir aus dem unüberschaubaren Paket des gelebten Lebens für uns herausgezogen.

Daraus entsteht der Streit um die Erinnerung. Der eine sieht das so und der andere ganz anders, weil sie nach bestimmten inneren Vorgaben sich dieses oder jenes herausgesucht haben.

Der Kybernetiker Heinz von Foerster sagte: Jede Beobachtung setzt einen Beobachter voraus!“

Und so wird es uns auch hier und jetzt in dieser Trauerfeier gehen. Jeder erinnert etwas anderes, nämlich das, was wir erinnern wollen. Und das ist gut so.

 - Aber es gibt noch etwas ganz wichtiges zu bedenken:


Mit dieser Methode, dass wir unsere Erinnerungen ausgewählt haben, hat uns die Natur eine mächtige Waffe in die Hand gegeben, um Schmerz und Leid wirksam in uns zu bekämpfen.

Wir benötigen diese ganze Reihe von abenteuerlichen Vorstellungen über das Jenseits, die Zeit nach dem Tode (falls es sie überhaupt geben sollte), ein ewiges Leben, usw. nicht. Wir erinnern uns einfach. Und wenn wir Sehnsucht nach dem Verstorbenen haben, erinnern wir uns.

Die Erinnerung wird von uns selbst so gestaltet, wie wir sie brauchen. Diese mächtige Freiheit besiegt jeden Tod.

Balzac hat das alles auf den Punkt gebracht:

- Wir vergessen, was uns nicht gefallen hat,

- und wir behalten, was uns unser Leben schöner macht.

Erinnerungen sind das Fundament unserer Zukunft. Wir müssen unsere Erinnerungen so rekonstruieren, dass sie uns in unserer Zukunft helfen.

Und ich bin der Meinung, im Leben des N.N. gibt es ganz viele Erinnerungen, die Ihr kommendes Leben ohne den Verstorbenen immer helfend und schön machen können.

Von denen wollen wir jetzt einige miteinander besprechen:

(Es folgt der Lebenslauf des Verstorbenen mit den biografischen Daten (dem Gedächtnis) gemischt mit den Erinnerungen (den subjektiven Einfärbungen).

Abschied

Zum Schluss müssen wir auch noch über das Schwerste reden, nämlich darüber, dass wir uns entscheiden, unseren Frieden mit dem Leben und Tod des Verstorbenen zu machen. Eine Alternative dazu gibt es nicht.

Während Sie das bei sich selbst bedenken und beschließen, werde ich dem Verstorbenen einen Text aus meinen Unterlagen widmen:

 

Das Gute

Fliegt jetzt davon

Dorthin

Wo alles

Nicht immer

In die Vergangenheit fällt

Sondern täglich

Auf- und niedergeht

Wie die Sonne

Nachdem wir nun unseren letzten gemeinsamen Weg mit dem Verstorbenen gegangen sind, betten wir nun

NN, geboren am XXX und gestorben am XXX zu seiner letzten Ruhe.

Wir wollen nicht klagen, weil wir ihn verloren haben, sondern dankbar sein dafür, dass wir ihn – wenn auch nur für kurze Zeit - unter uns hatten.

Wir wollen ihn nun mit Blumen und Erde zudecken, damit niemand seine Ruhe stört.

Ruhe in Frieden

 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 19. Oktober 2007 )
 
02 Seneca Drucken E-Mail
Geschrieben von Uwe Peters   
Mittwoch, 1. August 2007

Lieber Herr NN,

liebe Angehörigen und Freunde

des Verstorbenen NN


Der Tod der Verstorbenen hat uns hier zu dieser feierlichen und besinnlichen Stunde zusammengeführt.

Drei Schwerpunkte haben wir miteinander zu bearbeiten, zu denen wir sonst nie Zeit und Gelegenheit finden und die doch unendlich wichtig für uns alle sind.

Unser erster Themenschwerpunkt bezieht sich auf die grundsätzlichen Fragen nach Leben und Tod.

Lucius Seneca (4 vor Chr. – 65. n. Chr.), ein Zeitgenosse Jesu, wenn man den Theologen glauben darf,  hat ein ganzes Buch geschrieben und den Titel gewählt:

Von glückseligen Leben

Es ist schon erstaunlich, dass er in diesem Buch eine längere Abhandlung über den Tod aufgeschrieben hat. Viele Menschen heute sind der Auffassung, dass ein glückseliges Leben und ein Nachdenken über Sterben und Tod nicht zusammen passen würde.

Ungeschriebene Gesetze machen uns nachdrücklich klar, dass man in einer Trauerfeier keine Witze machen darf und bei geselligen Feiern sich zwar betrinken  kann ohne Ende, aber niemals über Sterben und Tod reden darf.

Bei Seneca ist das alles anders. Er schreibt in seinem Buch über das glückselige Leben eine lange Passage über den Tod. Daraus lese ich einen kurzen Absatz vor:

„Der Tod bedeutet Nichtsein. Was dies ist, weiß ich schon. Dies wird der Zustand nach meiner Existenz sein, wie er schon vor meiner Existenz gewesen ist.

Wenn darin etwas Schlimmes liegt, so muss es auch darin gelegen haben, ehe wir das Licht der Welt erblickten. Doch wir haben damals keinen Schmerz gefühlt.

Wäre es nicht töricht, glauben zu wollen, es sei schlimmer für die Lampe, wenn sie erloschen ist, als bevor sie angezündet wird?

Auch wir werden angezündet und erlöschen wieder; in der Zwischenzeit empfinden wir Schmerz, vorher und nachher aber ist tiefe Ruhe.“

Zunächst fragen wir, warum macht er das? Warum schreibt er in einem Buch über das glückselige Leben ein Kapitel über Sterben und Tod?

Muss das überhaupt so sein?

Ich behaupte, das muss so sein, weil nämlich der Umgang mit Sterben und Tod der Schlüssel zu einem glückseligen Leben ist.

Man kann kein glückseliges Leben führen, wenn die Sache mit Sterben und Tod nicht geklärt ist.

Das hängt damit zusammen, weil Sterben und Tod jedermann gewiss ist und deshalb zugleich auch die mächtigste Angst im Menschen erzeugt.

Wenn wir ständig eine verdrängte und unterschwellige Angst in uns tragen, dann ist jede Fröhlichkeit nur gekünstelt und Schauspielerei.

Erst dann, wenn wir keine Angst mehr haben, können wir wirklich lachen und hemmungslos fröhlich sein. Es gibt sehr wohl eine deutliche Unterscheidung zwischen den entfremdeten Formen eines nur scheinbaren Glücks und den befreiten und befreienden Formen der Freude und des Lachens.

So lange Angst in uns ist, sind wir nicht zu Freude und zum Glück befreit. Beides – Angst und Freude -funktioniert nicht zugleich in einem Körper.

Deshalb ist es auch für Seneca völlig klar und einsichtig, dass er in seinem Buch die entscheidende Angst der Menschen ansprechen muss. Sein glückseliges Leben bricht wie ein Kartenhaus zusammen, wenn er die Sache mit Sterben und Tod nicht ein für alle Mal klärt.

Und er klärt den ganzen Sachverhalt mit ganz einfachen Wörtern, die jedermann verstehen kann.

Deshalb will ich mich auch nicht an eine Erklärung dieses glasklaren Textes heran wagen. Ich kann das alles mit vielen Wörtern höchstens nur noch unklarer machen.

Aber ich möchte noch auf etwas anderes hinweisen:

Zu der Zeit des Seneca gab es eine sehr lebendige und immer noch jahrtausend alte ägyptische religiöse Tradition, in der der Zustand nach dem Tod zum wichtigsten Teil des Lebens erklärt wurde. Dazu hatten die alten Ägypter auch schon 2000 Jahre vor Seneca die Seele erfunden.

Nein, das was Seneca aufgeschrieben hat, war wirklich nicht allgemeiner Glaube, sondern es waren diese alten Mythen aus Ägypten. Senecas Zeitgenossen waren genau so abergläubig wie unsere Zeitgenossen heute. Jene Leute, die seine Schriften lasen und ähnlich dachten wie er, waren nicht die Mehrheit der Römer damals.

Deshalb wollen wir uns heute auch nicht davon irre und ängstlich machen lassen, dass viele Leute mit seltsamen Zweifeln unbestreitbare Tatsachen ableugnen und dafür abenteuerliche Dinge glauben wollen.

Seneca hat uns mit klaren Sätzen von allen unklaren und unausgesprochenen Ängsten und Besorgnissen befreit. Wenn der Kopf klar ist, verliert der Tod seinen Schrecken.

Für Sie als Hinterbliebene sieht die Sache völlig anders aus. Sie haben den Kopf voller Erinnerungen. In Ihrem Kopf ist die Verstorbene noch ganz lebendig. In Ihrem Kopf kann sie auch gar nicht sterben. Sie kann im Laufe der Jahre in Ihrer Erinnerung mehr und  mehr verblassen,  aber niemals sterben.

Deshalb müssen wir uns genau dieser Erinnerung zuwenden und sie so gestalten, dass in Ihnen ein schönes, helfendes und tröstliches Bild entsteht. Zukunft braucht Vergangenheit, braucht Herkunft und hat ihr Fundament im Gedächtnis und in der Erinnerung.

Deshalb wollen wir die Zukunft so gestalten, dass die Herkunft und Vergangenheit an dem Ort lebendig und hilfreich bleibt, wo sie nach Übereinstimmung aller Menschen unsterblich ist, in Ihrem Kopf.

Unser zweiter Themenschwerpunkt bezieht sich auf das Leben der Verstorbenen.

(Es folgt der Lebenslauf der Verstorbenen mit den biografischen Daten (dem Gedächtnis) gemischt mit den Erinnerungen (den subjektiven Einfärbungen).

Abschied

Nachdem wir mit Hilfe des Textes von Seneca das Gespenst des Todes entzaubert haben und den Tod zu einem notwendigen und selbstverständlichen Abschluss des Leben gemacht haben, und in unserem zweiten Teil das Leben der Verstorbenen gewürdigt haben, wollen wir durch einen inneren Entschluss das eben Besprochene für unsere Zukunft fest machen und damit unsere dritte Aufgabe erfüllen.

Die gebräuchliche Formel in den Trauerfeiern heißt so oder ähnlich:

Wir sind nun aufgefordert unseren Frieden mit dem Leben und Tod der Verstorbenen zu machen.

Während Sie das so still bei sich bedenken, werde ich der Verstorbenen einen Text aus den Gedichten von dem Theologen David Friedrich Strauß widmen:

Letzter Hauch


Wem ich dies klage,

weiß, ich klage nicht;

der ich dies sage,

fühlt, ich zage nicht.


Heute heißt`s verglimmen,

wie ein Licht verglimmt,

in der Luft verschwimmen,

wie ein Ton verschwimmt.


Möge schwach wie immer,

aber hell und rein,

dieser letzte Schimmer,

dieser Ton nun sein.

 

Wir verabschieden uns hier in der Kapelle von der Verstorbenen, weil sie eingeäschert werden soll:

NN, ist am XXX geboren und am XXX für immer von uns gegangen.

Wir wollen nicht klagen, weil wir sie verloren haben, sondern dankbar sein dafür, dass wir sie unter uns hatten.


Ruhe in Frieden

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 19. Oktober 2007 )
 
01 Theodor Storm Drucken E-Mail
Geschrieben von Uwe Peters   
Mittwoch, 1. August 2007

Lieber Herr NN,

liebe Angehörigen und Freunde

des Verstorbenen NN

Wir wollen hier in einer würdigen und feierlichen Form von der Verstorbenen endgültigen Abschied nehmen und ihrer noch einmal in Dankbarkeit und Ehrfurcht vor ihrem Leben gedenken.

 „Eine Beziehung aufnehmen, kann jeder Dummkopf. Aber sie erfolgreich zu beenden, dazu bedarf es einer große Kunst,“ sagt ein bekanntes Sprichwort.

Nur weil der andere durch den Tod von uns gegangen ist und nicht mehr da ist, ist der Abschied in keiner Weise vollzogen oder erledigt. Der Tod der Verstorbenen muss bedacht und durchgearbeitet werden.

Deshalb sind wir hier zusammengekommen.

Deshalb wollen wir darüber reden.

Deshalb möchte ich den Abschied mit Ihnen thematisieren an Hand eines Mannes, der sich mit Abschiednehmen auskannte: Theodor Storm.

Die Zeit ist hin, du löst dich unbewusst

und leise mehr und mehr von meiner Brust.

Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen,

doch fühl ich wohl, ich muss dich gehen lasen.

So lass mich denn,

bevor du weit von mir im Leben gehst,

noch einmal danken dir.

Und magst du nie, was rettungslos vergangen,

in schlummerlosen Nächten heimverlangen.

Hier steh ich nun und schaue bang zurück,

vorüber rinnt auch dieser Augenblick.

Und wieviel Stunden dir und mir gegeben,

wir werden keine mehr zusammen leben.


Theodor Storm, der dieses Gedicht geschrieben hat, ist ein alter schleswig-holsteinischer Heimatdichter gewesen, der im 19ten Jahrhundert meistens in Husum lebte.

Durch die politischen Unruhen wurde er vertrieben und lebte lange Zeit im Ausland, in Preußen, bis er endlich wieder in seine Heimat zurück konnte.

Abschiednehmen ist somit zu einem wichtigen Thema seines Lebens geworden. Er musste auch viele Male persönlich schmerzvollen Abschied nehmen; denn Todesfälle suchten seine Familie heim.

Es ist ein Text voller Innigkeit und voll von einem realistischen und sachbezogenen Gefühl (so etwas gibt es tatsächlich!).

Ich denke, das, was Sie in diesen Tagen erlebt haben, ist das, was Theodor Storm hier beschreibt:

„...Du löst dich leise und unbewusst, mehr und mehr von meiner Brust...“

Natürlich kam der Tod der Verstorbenen – wie fast jeder Tod –überraschend.

Vor XX Tagen ist sie gestorben und in diesen Tagen ist in Ihnen eine ganz eigenartige Veränderung vor sich gegangen.

Vom zunächst sprachlosen Erstaunen haben Sie Tag für Tag die Veränderung in sich erlebt, bis hin zum relativ gefassten und alles strukturierenden Handeln heute.

Hier in der Trauerfeier vertieft sich der Schmerz über den Verlust und die innere Gewissheit ist nicht mehr abzuwenden, „...ich muss dich gehen lassen!"

Sie ist fertig gemacht für den letzten Weg, den man sie führen und bringen wird. Die Frau, die vieles in ihrem Leben selbst bestimmt hat, „mit ihr wird nun etwas gemacht!“

Alleine diese Tatsache, dass wir „etwas mit ihr machen“ ist eine radikale Umkehr ihres selbstbestimmten Lebensstiles und signalisiert uns, „das bin nicht mehr ich!“

Wir müssen sie gehen lassen. Unser letzter gemeinsamer Weg endet hier am Sarg. Alles weitere entzieht sich unserer Mitwirkung.

Und schließlich besinnt sich Theodor Storm und will eine Zusammenfassung finden. Er setzt gewissermaßen das Thema für eine Traueransprache.

Was ist das Wesentliche ihres Lebens, was bleibt aus unserer Zeit der Gemeinsamkeit?

Er fasst das so zusammen: „So lass mich denn,... noch einmal danken dir!“

Nein, die Kerzen, die Blumen, die Kränze und alle Feierlichkeit bringt sie uns nicht zurück. Sie können das auch gar nicht. Aber sie sind Ausdruck der Dankbarkeit.

Dieser primitive Satz: „Schenkt Blumen im Leben, am Grabe sind sie vergebens,“ ist ein Satz, der aus einem Nützlichkeitsdenken entstanden ist. Dieser Nützlichkeitsdenker, der diesen einfältigen Satz erfunden hat, hat niemals in seinem Herzen Dankbarkeit verspürt.

Das, was wir hier tun ist ein Ausdruck der Dankbarkeit. Sie bringen Ihre Ehrfurcht vor dem Leben der Verstorbenen und Ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, auch wenn sie selbst es weder hört noch sieht.

Damit bekennen Sie sich zu ihr: „Ja, ich habe sie geliebt und bekenne mich zu ihr. Ich bin ihr dankbar für die gemeinsame Zeit.“

Weiter besinnt sich Theodor Storm auf das, was in dem zurückbleibenden Menschen selbst geschieht.

Er entschließt sich dazu, nach vorne zu schauen. Er will nicht die alte Zeit zurück haben, er weiß, dass sie rettungslos vergangen ist.

Er scheint uns zu sagen: „Ja, wir dürfen trauern und weinen, ja, wir dürfen voller Dankbarkeit uns erinnern. Ja, wir sollen uns intensiv erinnern.

Aber wir können die Zeit nicht aufhalten. Sie eilt unerbittlich weiter. Wir dürfen die alte Zeit nicht wiederholen wollen. Auch in den Nächten, in denen wir nicht schlafen können, sollen wir niemals die alte Zeit wieder herbeiwünschen.“

Das Leben noch einmal leben, das Leben als Wiederholung noch einmal aufwärmen und noch einmal die schönen Erlebnisse wiedererleben, raubt uns unsere kostbare Lebenszeit für neue Erlebnisse und Erfahrungen. Unser Leben ist von unserer Geburt bis zu unserem Tod eine durchgehende Premiere.

Nichts wiederholt sich. Nichts kann sich wiederholen. Und selbst das langweiligste Leben steht unter diesem Diktat der niemals aufhörenden Premiere.

Und dann kommt er im letzten Vers zum Abschied.

Das, was wir in ungezählten Trauerfeiern immer wieder mit konstanter Regelmäßigkeit einfordern müssen, ist, dass wir den Abschied in uns vollziehen.

Er scheint uns zu sagen: „Ich lasse die Gewissheit in mir zu, dass wir keine Stunde mehr zusammen leben werden. Ja, es ist so.

Auch wenn mir dabei sehr bange ist und ich tieftraurig bin. Dieser Augenblick der Entscheidung geht auch vorüber und von jetzt ab ist es klar, wir werden keine Stunde mehr zusammen leben.“

Das, was bleibt, ist Dankbarkeit, welche aus der Erinnerung erwächst. Je intensiver Sie in die Erinnerung eintauchen, um so faszinierender wird die Verstorbene mit allen ihren Licht- und Schattenseiten.

Haben Sie keine Angst vor den Schattenseiten. Rund um den Globus haben die Menschen die Kunst der Schattenspiele erfunden und sich daran erfreut.

Sie wissen wie das geht:

Vor Ihnen hängt eine helle Leinwand. Hinter der Leinwand ist eine Lichtquelle auf die Leinwand gerichtet. Alles, was sich zwischen der Lichtquelle und der Leinwand bewegt, wird auf der Leinwand – auf Ihrer Seite - als Schatten sichtbar.

Der Held wird als Schatten sichtbar, ebenso die böse Hexe. Der Liebhaber ist nur ein Schatten und selbst die zauberhafte Geliebte erscheint als Schatten.

Die Erinnerung der Lichtgestalt der Verstorbenen führt Sie genau so wie die Schattengestalt zur Dankbarkeit. Der geniale französiche Fotograf Jeanlop Sieff hat das so ähnlich formuliert: Das gesamte Leben ist der Umgang mit dem Licht und seinem Komplizen, dem Schatten.

Diese Dankbarkeit für das Licht und für den Schatten der Verstorbenen trägt Sie auch durch die kommenden schweren Monate hindurch.

Nun wollen wir dieses wunderschöne Beispiel an Hand des Lebenslaufes der Verstorbenen ganz konkret in uns vertiefen...


(Es folgt der Lebenslauf der Verstorbenen mit den biografischen Daten (dem Gedächtnis) gemischt mit den Erinnerungen (den subjektiven Einfärbungen).

 

Abschied

Nachdem wir den Abschied mit dem Text von Theodor Storm hell in uns gemacht haben, und nachdem wir alles konkret umgesetzt haben in dem wir das Leben der Verstorbenen noch einmal an unserem inneren Auge vorbeiziehen ließen, müssen wir nun einen Entschluss fassen.

Die gebräuchliche Formel in den Trauerfeiern heißt so oder ähnlich:

Wir sind nun aufgefordert unseren Frieden mit dem Leben und Tod der Verstorbenen zu machen.

Eine Alternative dazu gibt es nicht.

Während Sie das bei sich selbst bedenken und beschließen, werde ich der Verstorbenen einen Text aus den Gedichten von Erich Fried widmen:

 

Vielleicht


Erinnern

Das ist

Vielleicht

Die qualvollste Art

Des Vergessens


Und vielleicht

Die freundlichste Art

Der Linderung

Der Qual


Nachdem wir nun unseren letzten gemeinsamen Weg mit der Verstorbenen gegangen sind, betten wir nun


NN, geboren am XXX und gestorben am XXX zu ihrer letzten Ruhe.


Wir wollen nicht klagen, weil wir sie verloren haben, sondern dankbar sein dafür, dass wir sie unter uns hatten.


Wir wollen sie nun mit Blumen und Erde zudecken, damit niemand ihre Ruhe stört.


Ruhe in Frieden

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