Liebe Frau Glas, liebe Angehörige und Freunde des verstorbenen
Paul Glas
Wenn ein Mensch für immer aus unserer Mitte weggegangen ist, erstreckt sich der Prozess des Abschiednehmens über unendlich viele Dinge, die zu erledigen sind und über sehr viele Monate, die ganz geduldig zu überstehen sind.
Die Dinge, die erledigt werden müssen, sind nur zum geringen Teil jene Äußerlichkeiten, von denen zum Glück der Bestatter vieles abnimmt und damit erleichtert.
Viel schwerer ist die Einübung in ein Leben ohne den verstorbenen Menschen. Auch das muss „erledigt“ werden und somit zum Abschluss kommen. Und das braucht ganz viel Zeit. Neues Leben entsteht im Mutterleib in neun Monaten. Wie kann Ihr neues Leben ohne den Verstorbenen in einem kürzeren Zeitraum wachsen und sich entfalten?
Diese viele Zeit ist notwendig, um aus den ganz aktuellen gefühlsmäßig schwankenden Erinnerungen stabile, zuverlässige und das zukünftige Leben tragende Erinnerungen zu gestalten.
Hier in der Trauerfeier beginnt dieser Prozess der Erinnerungsgestaltung, also des gezielten Neubeginns mit dem Material der Vergangenheit.
Wenn Sie nur an die wenigen Tage unserer Zusammenarbeit denken, dann hat sich Ihre Erinnerung doch schon ganz wesentlich verändert. Bei unserem ersten Gespräch haben Sie mir einen Ordner gezeigt, der nur zu einem Drittel mit Papieren gefüllt war. Alle Papiere, die den Verstorbenen betrafen, waren weg. Nur die Dokumente seiner Ehefrau waren alle noch eingeheftet.
Nein, er wollte kein Brimborium bei der Trauerfeier und keine großartigen Reden. Alles war ihm unwichtig geworden in der Vorahnung seines Todes.
Wir respektieren seinen Wunsch und Willen. Unsere Trauerfeier und unser Reden über ihn hat deshalb nichts damit zu tun, dass wir ihn noch einmal mit feierlichen Worten ehren wollen, sondern es hat mit uns, mit Ihnen, den Weiterlebenden zu tun. Wenn wir über den Verstorbenen reden, tun wir das um unsertwillen, denn Leben ist Zukunft und Zukunft ist Leben. Wenn der Arzt sagt: „Da ist keine Hoffnung mehr“, dann heißt das, es gibt keine Zukunft und kein Leben mehr.
Aber Hoffnung, Zukunft und Leben ist immer nur möglich „ab jetzt“. „Ab jetzt“ ist nur möglich, weil es etwas vor diesen „ab jetzt“ gibt, nämlich die Vergangenheit.
Ein wesentlicher Aspekt der Vergangenheit ist in Ihrem Leben der Verstorbene. Die Vergangenheit ermöglicht erst die Zukunft. Ohne Vergangenheit kann es keine Zukunft geben.
Deshalb wollen wir hier auch kein „ehrenvolles Gedenken“ an den Verstorbenen abhalten, sondern uns selbst, Sie selbst für die Zukunft besser ausrüsten. Wir müssen also über ihn reden, nicht um seinet Willen, sondern um Ihretwillen. Sie müssen Ihre Zukunft, Ihr Lebenshaus bauen und ab jetzt auch mit den Steinen seines - durch seinen Tod - abgerissenen Lebenshauses.