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Seite 3 von 7 Also sprach Zarathustra. - Nietzsche trauert um seine Toten. Seine Toten sind das, was ihm wirklich etwas bedeutete. Völlig unabhängig von diesem Verlust hat jeder von uns hier im Saal seine eigene Gräberinsel. Diese Gräberinsel ist ein Bestandteil unseres Lebens. Ein Leben ohne solche Gräberinsel kann es nicht geben. Hier gibt es eine Solidarität der Menschen untereinander. Eure und meine Verluste relativieren sich. Ich weiß das, und mir hilft das auch; denn Ihr habt Eure Verluste überwinden können, so werde ich auch meinen Verlust überwinden. Nein, die Kluft ist nicht so groß, zwischen Euren und unseren Verlusten. In der Gemeinschaft des Leidens finden wir zueinander. - Weiterhin spricht er davon, dass er seiner Toten liebevoll gedenkt. Dieses liebevolle Gedenken schafft aber in ihm nicht größere Verzweiflung, Leere und Depression, sondern Dankbarkeit. Die Erinnerungen an Hannelore empfinde ich wie eine Geburt. Sie sind unglaublich schmerzhaft und dennoch ist in ihnen eine gewaltige Kraft. Diese Erlebnisse mit Hannelore sind die Saat, die teilweise schon aufgegangen ist und teilweise noch aufgehen wird. Ich bekenne mich zu Hannelore, sie war mein Liebling, mein „Lorchen“ und mein Schatz. Für Euch war sie vielleicht ein wertvoller Mensch mit guten und weniger guten Eigenschaften. Ein Mensch, mit dem es sich lohnte, mehr oder weniger Kontakt zu behalten. Für mich war sie die Sonne meines Lebens. Wenn ich diesen Nietzsche Text benutze für andere Trauerfeiern, dann kommt an dieser Stelle oft der Hinweis, der so lautet: - Dieser Text bietet Ihnen eine Hilfe an, und die liegt darin, dass er eine ganz geringfügige Schwerpunktverschiebung macht. Nietzsche legt den Schwerpunkt nicht so sehr auf den Verlust, sondern auf den Wert dessen, was er einmal erlebt hatte. Erlebnisse können nicht sterben. Sie können vergessen werden, das liegt in Ihrer Hand, aber niemals sterben. Das ist eine Bewusstseinsleistung. Das können Sie selbst steuern. Ihre Erlebnisse brauchen Sie niemals herzugeben. Die Bedeutungshoheit ist jedem Menschen als angeborene Freiheit mit auf den Lebensweg gegeben worden. In den Geisteswissenschaften spricht man von der „genetisch angelegten hermeneutischen Autonomie“. Plattdeutsch heißt das allgemeinverständlich “Watt den een sien Uhl is denn annern sien Nachtigall!“ Aber oftmals muss man die Sachverhalte neu formulieren, damit sie wieder ihre angemessene Wichtigkeit zurückgewinnen. - Indem Nietzsche eine Umdeutung vollzieht, weg von dem Verlust, hin zu Erinnerung und Dankbarkeit verwandelt er den Verlust seiner Toten - und den Schmerz um diesen Verlust - zum Grund für Dankbarkeit und einem positiven Lebensgefühl.
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